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Projekt

Fakultät 01
Transmediales Entwerfen -Fusion von virtuellen Modellen mit filmischen Aufnahmen
Kategorie:
Projekt
Themengruppe:
Kompetenzfelder: digital, forschend
AutorIn:
Maren Paulat
Jahr:
2015
Modell im Film, Entwurf von Veronika Knorr für den Goldschmiedplatz
Modell im Film, Entwurf von Veronika Knorr für den Goldschmiedplatz

LERNZIELE

Welche Kompetenzen sollen die Studierenden erwerben?

Die Studierenden

- setzen Architektur und Kunst in Beziehung zu ortsbezogenen, kulturellen, politischen und philosophischen Kontexten.

- erforschen vorhandene architektonische Strukturen analog und virtuell.

- entwickeln eine transmediale gestalterische Handlungskompetenz und partizipieren an kommunikativen Prozessen.

- konzipieren, entwerfen und fertigen ortsbezogene modellhafte Interventionen und Strukturen.

- stellen Fusionen virtueller Modelle und Strukturen mit filmischen Aufnahmen her.

BESCHREIBUNG

Bisher wurde das Modul MA_11 als technische Softwareschulung gelehrt; mit der Überschreibung des Moduls ist die Ausrichtung als konzeptueller medialer Diskurs angelegt und ermöglicht damit den Studierenden in Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Architektur, Kunst, Philosophie, medialen Theorien und Praktiken ein reflektiertes Agieren und Arbeiten. Dieses konzeptuelle Vorgehen wird mit neuen digitalen Darstellungs- und Entwurfsmethoden untersucht, formuliert und getestet. Die Implementierung dieser digitalen Techniken der erweiterten Realität / „augmented reality“ in ihrer rasanten medialen Entwicklung werden zunehmend unseren Alltag bestimmen und müssen notwendigerweise Teil der Architektur- und Gestaltungslehre werden. Im Gegensatz zu der kommerziellen Nutzung in Computerspielen, Werbung und Fernsehen wurde die Medienkompetenz der Studierenden gestärkt und sie so in die Lage versetzt, diese neuen Tools der digitalen Darstellungsmöglichkeiten und Simulationstechniken für komplexe gestalterische Prozesse nutzbar zu machen. In der Architekturausbildung stellt die Fusion von filmischen Aufnahmen mit virtuellen Modellen und Strukturen eine neue Darstellungsmöglichkeit dar, Umgebungen, Orte und Räume multiperspektivisch erlebbar zu machen.

HINTERGRUND

Wie erfahren bzw. schaffen wir mittels körperlich-leiblicher Präsenz Räume durch und in Bewegung?

Ausgehend von leibphänomenologischen Beobachtungen sollen Konstruktionen und De-Konstruktionen dynamischer Raumkonzepte vorgestellt und z.B. die Fragen diskutiert wurden, wie wir die Simultaneität und Multiplizität von Räumen mittels digitaler Technologien erfahren und wie durch De- und Re-Konstruktionen Orte neu interpretiert und zu Orten der Entlastung und Entschleunigung werden können. Dr. Undine Eberlein’s Workshop und Vortrag über „Dynamische Raumkonzepte und „spatial turn,“ ermöglichte den Studierenden eine neue, erweiterte Wahrnehmungsweise und Raumerfahrung von dem gegebenen Ort. Von diesen Erfahrungen haben die Studierenden in ganz besonderer Weise für ihren Entwurf profitiert, indem Sie die komplexen Zusammenhänge zwischen aktionistischem Tun, sinnlicher Wahrnehmung und theoretischer Reflexion in ihre entwerferischen Prozesse überführt haben. Die Entwürfe der Studierenden lassen erkennen, dass die Erfahrungen aus den aktionistischen Übungen, wie Slow Walk, und fokussiertes Sehen, die gleichzeitige Präsenz des Nichtgesehenen in ihre Überlegungen einfließen. Gleichzeitig sollen die Studierenden sich der Präsenz des „nicht gesehenen“ bewußt werden. Ein weiterer Schwerpunkt bildete der Diskurs über bestimmte architektonische und künstlerische Produktionen, Strategien und philosophische Überlegungen. Dieser Kontext ermöglichte den Studierenden z.B. rekonstruierende und zitathafte Modellkonstruktionen und Simulationen für den Ort zu entwickeln und zu modifizieren. Der dritte Schwerpunkt war ein Workshop über virtuelle Darstellungsmethoden, der parallel zum entwerferischen Prozess vertieft und von den Studierenden ausdrücklich sehr positiv bewertet wurde und verstärkt etabliert werden sollte. Die Studierenden reflektierten die Lage des Ortes in der Pheripherie, gleichzeitig rückten sie mit ihren Projekten den Ort aus seiner abseits gelegenen Randlage in eine durchaus urbane Situation, wobei die Herausforderung war, den Charakter der Entschleunigung des Ortes zu betonen und die Offenheit der weiten Fläche der Panzerwiese zu erhalten.

DURCHFÜHRUNG

Exkursion und Ortsanalyse im Kontext von Theorie und transmedialen gestalterischen Prozessen Workshop 1 und Theorieblock, Goldschmiedplatz, München. Thema:

„Dynamische Raumkonzepte und spatial turn, Leibphänomenologie und die Dekonstruktion und Re-Interpretation von Räumen.“ Dr. Undine Eberlein

Treffpunkt war am Kiosk Goldschmiedplatz unter dem Vordach. Nach einer theoretischen Einführung über Körperschemata und kurzen Übungseinheiten ging es über in eine Begehung des Platzes mit der Aufforderung, den Ort mit einer gefühlten Richtungsorientierung aufzunehmen, die Bewegungsabläufe zu verlangsamen und das Augenmerk in Bezug auf Vordergrund, Hintergrund und auf eine bestimmte Perspektive zu richten. Der performative Raum erschloß sich für die Studierenden über den Bewegungsablauf zu einer simultanen multiperspektivischen Wahrnehmung. Es folgten Übungen mit inverser Bewegung, Verharren an einem bestimmten Ort und die Konzentration auf die auditive Wahrnehmung. Mit dieser aktionistischen Erfahrung haben die Studierenden den Ort filmisch und fotografisch dokumentiert und die Reststrukturen in einer Bauaufnahme vermessen. Die Umgebung wurde über Google earth in allen Facetten und Ausschnitten untersucht, das Wegenetzsystem der Panzerwiese wurde über ein Drohnenauge erst sichtbar und mittels Photoscan wurden einzelne Strukturen bis ins feinste Detail abgebildet und in eine grafische Netzstruktur übersetzt. Auf der Grundlage dieser intermedialen dynamischen Raumanalysen in Verbindung mit den leibphänomenologischen Wahrnehmungen entstanden konzeptuelle Modellkonstruktionen für den Ort, die die Entwicklung von Zusatzräumen in Bezug auf die vorhandenen Reststrukturen und die Umgebung thematisierten. Es wurden z.B. tragbare Modelle entwickelt, die den Blick rahmen, begrenzen und steuern und den erlebten Raum über Filter intensivieren und interpretieren. Der Entwurfsverlauf dieses Themas bezog sich des weiteren auf die Einbeziehung des vorhandenen Kiosk’s in eine überwölbende Struktur, die von innen begehbar ist und den Blick in verschiedene Richtungen lenkt. Einerseits ist die Fokussierung des Blicks auf ein bestimmtes Element der Umgebung gerichtet, das durch die Rahmung herangezoomt oder durch die Filter als Unschärfe erscheint. Andererseits öffnet sich die Struktur zu einem panoramatischen Rundumblick. Interessant ist, dass die architektonische Struktur die fotografischen Themen des Blicks, der Wahrnehmung, und des Sehens verstärkt. Die architektonische Transformation als Wahrnehmungsmaschine ermöglicht so eine vielfältige Auseinandersetzung mit dem Ort, der Weite der Umgebung, dem unverstellten Blick des 19. Jahrhunderts, der Horizontlinie und den Siedlungsstrukturen, dem Grenzbereich zwischen Stadt und Land und der Situierung dieses Ortes in der Straßenachse. Der Charakter des Ortes als Meetingpoint, als Ort der entschleunigten Naturbetrachtung und der Auseinandersetzung mit dem, wie wir sehen wird in diesem Entwurf deutlich.

Eine türkische Studentin, die in Hasenbergl lebt, brachte hinreißende Fotos türkischer Gemeinschaften mit und plant die Erweiterung und Öffnung des Kiosk‘s zu einer fließenden Raumstruktur, die die kulturellen Rituale ihrer Kultur aufnimmt. Angedacht war der Traum einer Translocation von einem türkischen Environment auf den Goldschmiedplatz, ein Ort des Gesprächs, der Teezeremonie und des Verweilens. Aspekte der Entschleunigung der ursprünglichen Wendeschleife werden aufgenommen und sind ein Beitrag zur Komplexität des urbanen Lebens in der Peripherie. Parallel dazu wurde die Rekonstruktion von Mies van der Rohes Barcelona Pavillon über die Kiosk Struktur gelegt und als Hybrid aus Materialrepliken und einer abstrakten Modellkonstruktion im Innen – und Außenbereich entwickelt.

Es wurde eine Performance, ein Geigenkonzert auf dem Turm veranstaltet und demnächst agieren wir nochmal auf der Panzerwiese und filmen das Ganze mit einer Drohne. Auch die Verbindung von Kiosk, Vorplatz und Turm zu einer Art Schiffsstruktur, eine Plattform für Kino und Theateraktivitäten wurde angedacht.

Beim Filmen mit der Drohne fielen uns aus der vertikalen Perspektive in der angrenzenden Panzerwiese Lineaturen von Wegen und Trampelpfaden auf, die man in der horizontalen Wahrnehmung nicht gesehen hätte. Das Heranzoomen über Google Earth machte die Siedlungsmuster der Umgebung und die Achse der Schleißheimer Strasse deutlich. Der Mauerrest einer militärischen Anlage auf der Panzerwiese wurde über Photoscan abgetastet und in eine hyperreale grafische Darstellung und einen 3D Druck übersetzt. Diese neuen Wahrnehmungsmaschinen und die neuen Tools der digitalen Darstellungsmöglichkeiten und Simulationstechniken nutzten die Studierenden für komplexe gestalterische Prozesse. Zu dem Mauerrest wurde ein zweites Element aus den überlagerten Lineaturen der Wege auf der Panzerwiese als nach innen gefaltete Vertiefung entwickelt, in die man sich legen kann. Liegend und träumend richtet sich der ruhende Blick nach oben, die Horizontlinie verschiebt sich, aber die Panzerwiese bleibt unverstellt, ein leerer Raum. Der Kontext des Militärischen, das Thema der Ruine, das Fragment und die konkave Form bilden ein widersprüchliches Ensemble. Die Einführung in die 3D Software Blender lief parallel als Workshop und gab den Studenten ein Instrument für virtuelle Übersetzungen an die Hand. Konzeptuelles Entwerfen in Verbindung mit der Fusion von filmischen Aufnahmen und virtuellen Modellen als neue Darstellungsform gab den Studierenden die Möglichkeit, Umgebungen, Orte und Räume multiperspektivisch erlebbar zu machen und zu testen. Das Projekt und diese Arbeitsweise wurde von den Studierenden sehr positiv aufgenommen.

Die Gestaltunglehre konzentriert sich auf die Entwicklung von Projekten, die es den Studierenden ermöglichen, in gestalterischen Prozessen ein reflektiertes Agieren und mediales Arbeiten zu entwickeln und währenddessen partizipatorisch mit einem jeweiligen Ort verbunden zu sein. Denken in Tun zu übersetzen, in gestalterische Prozesse zu leiten und in Aktivitäten zu überführen - im Zentrum dieser Aktivitäten steht die Freisetzung von Energie, das Erwerben einer transmedialen Handlungskompetenz, Ideen, Referenzen und Vorbilder zu untersuchen und zu formulieren. So entsteht aus der Dekonstruktion und Re-Interpretation von

Räumen und Orten ein Vorstellungsraum, in dem sich Landschaft, Kultur und Ort zu etwas Neuem verbinde

ERFAHRUNG

Rosa Lindenblatt

"Das Fachprojekt „Wo die Stadt aufhört“ war eine neue Studienerfahrung für mich und alle teilnehmenden Studenten. Der Kurs war aufbauend strukturiert. Der Goldschmiedplatz, der die Verortung für unsere Projekte darstellte, wurde zum zweiten Seminarraum! Wir haben den Platz richtig kennengelernt, nicht wie bei einer sonst ablaufenden „Ortsbegehung“ in 30 min sonden in mehreren Tagen und Aktionen vor Ort.

Dies rief eine neue und ganz andere Raumerfahrung hervor und bewegte uns Studenten zu neuen Ideen des Entwurfs.

Im großen und ganzen war das Fachprojekt einer der gelungensten Kurse meines Studiums mit sehr viel Erfahrungsgewinn bei der Ortsanalyse sowie dem Gebrauch von verschiedenen (digitalen/neuen) Medien.“

Veronika Knorr

„Der Kurs war für mich sehr wichtig in Bezug auf die Sichtweise wie man Entwerfen kann und wie man es an der Hochschule München lernt. Der Entwurfsprozess ist meist sehr konstruktiv geprägt und neue Medien (3D Druck, Fräsen, Videoanimation etc..) werden gar nicht mit einbezogen und wenn, dann nur wegen eigenem Interesse, aber nicht innerhalb eines Kurses. Bei dem Fachprojekt von Frau Professor Paulat wurde genau das thematisiert und von uns verlangt."