Forschungsprojekt

Transmission und Emission makroökonomischer Schocks durch das Bankensystem


Prof. Dr. Oliver Hülsewig
Fakultät für Betriebwirtschaft, 10


I. Projektziel:
Die jüngste Finanzkrise zeigte deutlich, dass makroökonomische Modelle nur begrenzt in der Lage waren, ihre Ursachen und Konsequenzen angemessen abzubilden. Einer der Gründe hierfür ist unter anderem, dass eine besondere Rolle des Bankensystems bei der Transmission gesamtwirtschaftlicher Schocks bislang meist ausgeschlossen wurde. Vielmehr wurde angenommen, dass Banken als neutrale Akteure exogene Impulse (beispielsweise Zinsänderungen der Notenbank) ungefiltert weitergeben. Auch die Möglichkeit, dass das Bankensystem selbst eine Quelle makroökonomischer Störungen darstellen kann, wurde weitgehend ignoriert. Ziel der Forschungsfeldes ist es, die Rolle des Bankensystems bei der Transmission und Emission makroökonomischer Schocks besser zu verstehen, um zukünftig in der Lage zu sein, Krisen im Finanzsektor möglichst frühzeitig zu erkennen und deren realwirtschaftliche Auswirkungen idealerweise abmildern zu können.


II. Projektarbeiten:
Im Rahmen des Forschungsfelds sind bislang folgende Forschungsarbeiten entstanden:


1. Loan Supply Shocks During the Financial Crisis: Evidence for the Euro Area
Autoren:
N. Hristov, O. Hülsewig, T. Wollmershäuser
Veröffentlichung:
CESifo Working Paper Nr. 3395, März 2011


Journal of International Money and Finance 31 (3), 2012, 569–592
Präsentation:
Annual Meeting of the European Economic Association, Oslo 2011; International Conference on Macroeconomic Analysis and International Finance, Rethymno (Crete) 2011; CESifo Area Conference on Macro, Money and International Finance, München 2011; Economics Research Seminars der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig 2011; Österreichische Nationalbank Research Workshop on “Financial Makets and Real Economic Acitivity”, Wien 2012.


2. The Interest Rate Pass-Through in the Euro Area During the Global Financial Crisis
Autoren:
N. Hristov, O. Hülsewig, T. Wollmershäuser
Veröffentlichung:
CESifo Working Paper Nr. 3964, Oktober 2012


Journal of Banking & Finance, 48, 2014, 104-119
Präsentation:
ROME („Research on Money in the Economy“) Meeting, Frankfurt 2012; Economics Research Seminars der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der RWTH Aachen 2013; CESifo Area Conference on Macro, Money and International Finance, München 2013; Universität Innsbruck, internes Forschungsseminar, Fakultät für Volkswirtschaft und Statistik, 2013.


3. Financial Frictions and Inflation Differentials in a Monetary Union
Autoren:
N. Hristov, O. Hülsewig, T. Wollmershäuser
Veröffentlichung:
CESifo Working Paper Nr. 3235, November 2010


The Manchester School, 82 (5), 2014, 549-595
Präsentation:
Econometric Society Australasian Meeting, Melbourne 2012; Money, Macro and Finance Conference, Dublin 2012; Econometric Society European Meeting (ESEM), Malaga, 2012; Annual Meeting of the European Economic Association, Oslo 2011.


III. Zusammenfassung der bisherigen Ergebnisse


Überblick:
Die Studie „Loan Supply Shocks During the Financial Crisis: Evidence for the Euro Area“ befasst sich mit der Identifikation und Messung von Kreditangebotsschocks und deren makroökonomischen Auswirkungen. Als zentrale Ergebnisse kann festgehalten werden, dass Kreditangebotsschocks


• identifiziert werden können,
• quantitativ insbesondere in Zeiten von Finanzkrisen von Bedeutung sind, sowie
• signifikante makroökonomische Auswirkungen haben.


Die Identifikation der Kreditangebotsschocks erfolgt im Rahmen einer makroökonometrischen vektorautoregressiven Analyse, die zugleich die Abschätzung der gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen der identifizierten Schocks ermöglicht.


In den weiteren zwei Forschungsarbeiten wird die Rolle des Finanz- und Bankensystems bei der Übertragung makroökonomischer Störungen untersucht. Diese Studien sind sowohl empirischer als auch modelltheoretischer Natur. Als zentrales Ergebnis lässt sich festhalten, dass Friktionen im Bankensektor bei der Transmission von makroökonomischen Schocks in der Eurozone eine bedeutende Rolle spielen. Zum einen scheint die länderspezifische Ausgestaltung der Finanzstruktur in den einzelnen Mitgliedsländern der Eurozone die Übertragung von makroökonomischen Schocks zu prägen. Impulse der einheitlichen Geldpolitik wirken in den einzelnen Ländern unterschiedlich auf die Dynamik der nationalen Inflationsraten und hängen vom Ausmaß der Kreditrestriktionen oder des Verschuldungsgrades der Haushalte ab. Zum anderen zeigt sich, dass die Anpassung der Kredit- und Einlagenzinsen an Änderungen der Geldmarktsätze seit dem Höhepunkt der Finanzmarktkrise im September 2008 deutlich schwächer wurde. Als Ursache hierfür können strukturellen Veränderungen im Bankensektor angeführt werden, wie eine Verschärfung der durchschnittlichen Beleihungsgrenzen oder gestiegene Kosten der Eigenkapital- und Zinsanpassung.


Die Projektarbeiten zur Identifikation kreditangebotsseitiger Störungen


1. Loan Supply Shocks During the Financial Crisis: Evidence for the Euro Area
In diesem Beitrag wird eine alternative, auf Makrodaten basierende Identifikation von kreditangebotsseitigen Störungen vorgeschlagen sowie deren makroökonomischen Auswirkungen untersucht. Ziel der Projektarbeit ist es, Kreditangebotsschocks in den einzelnen Ländern der Eurozone mithilfe einer panelvektorautoregressiven (PVAR) Analyse zu schätzen. Neben den üblichen makroökonomischen Variablen Bruttoinlandsprodukt, Inflation und Notenbankzins werden in das PVAR-Modell Zeitreihen für den Zins für Unternehmenskredite und den Bestand an Unternehmenskrediten aufgenommen. Die Identifikation des Kreditangebotsschocks erfolgt über die Methode, theoretisch fundierte Vorzeichenrestriktionen aufzuerlegen, welche nur solche Impuls-Antwort-Folgen betrachtet, bei denen kurzfristig das Kreditvolumen sinkt und der Kreditzins steigt bzw. umgekehrt. Mithilfe einer historischen Varianzzerlegung wird dann der Beitrag der Kreditangebotsschocks zur Entwicklung makroökonomischer Variablen errechnet. Das Augenmerk hierbei liegt auf der Rolle des Bankensystems während der aktuellen Finanzkrise. Ein zentrales Ergebnis der Studie ist, dass Kreditangebotsschocks signifikant zur Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts und des Kredit- volumens in allen Mitgliedsländern der Eurozone beigetragen haben. Auffällig ist jedoch, dass sowohl die zeitliche Abfolge der Schocks als auch ihr Ausmaß im Ländervergleich sehr unterschiedlich ausfallen. Dies deutet darauf hin, dass das Bankensystem in der Währungsunion noch immer durch ein hohes Maß an Heterogenität gekennzeichnet ist.


Die Projektarbeiten zur Übertragung makroökonomischer Schocks durch das Bankensystem


1. The Interest Rate Pass-Through in the Euro Area During the Global Financial Crisis
In diesem Beitrag wird das Zinssetzungsverhalten von Banken im Euroraum infolge makroökonomischer Schocks untersucht. Ziel des Projektes ist es, mithilfe eines identifizierten panelvektorautoregressiven (PVAR) Modells sowie Simulationen eines für den Euroraum geschätzten neukeynesiansichen DSGE (dynamic stochastic general equilibrium)-Modells die Reaktion von Banken auf die globale Finanzkrise zu untersuchen. Im empirischen Teil der Studie wird die Reaktion des Mark-ups verschiedener Bankzinsen (Kredit- und Einlagenzinsen) auf den Interbankengeldmarktsatz infolge typischer makroökonomischer Schocks (geldpolitischer Schock, aggregierter Nachfrageschock, aggregierter Angebotsschock) für den Zeitraum 2003-2007 und den Zeitraum 2008-2011 im Rahmen einer Impuls-Antwortfolgen-Analyse miteinander verglichen. Ein zentrales Ergebnis des PVAR-Modells ist, dass die Übertragung von Änderungen der Geldmarktzinsen auf die Kredit- und Einlagenzinsen in der Krisenperiode signifikant schwächer wurde. Im modelltheoretischen Teil der Studie werden die Auswirkungen derselben makroökonomischen Schocks auf den Zinsaufschlag im Rahmen eines von Gerali et al. (2010) entwickelten und für den Euroraum geschätzten neukeynesianischen DSGE-Modells simuliert. Das Modell von Gerali et al. beinhaltet einen umfassenden Bankensektor, der sowohl im Einlagen- als auch im Kreditgeschäft einer Reihe von Friktionen unterworfen ist. Dazu gehören neben den Zinsanpassungskosten und den Kosten im Zusammenhang mit der Haltung und Anpassung von Eigenkapital auch der monopolistische Wettbewerb im Bankensektor und eine Kreditbeschränkung der Haushalte. Die Modellsimulationen zeigen, dass die empirisch beobachtete Abschwächung der Zinsweitergabe durch die Banken auf eine deutliche Zunahme dieser Friktionen zurückgeführt werden kann.


2. Financial Frictions and Inflation Differentials in a Monetary Union
Ausgangspunkt dieses Projektes sind die Ergebnisse einer Reihe empirischer Untersuchungen, die auf eine sehr uneinheitliche Entwicklung der nationalen Inflationsraten innerhalb der Europäischen Währungsunion (EWU) hindeuten. Signifikante Unterschiede sind dabei nicht nur im Hinblick auf die zugrunde liegenden Inflationstrends, sondern auch auf das zyklische Verhalten länderspezifischer Inflationsraten zu beobachten. Ziel dieses Beitrages ist es, zu untersuchen, inwiefern diese zyklischen Inflationsdifferentiale zwischen den einzelnen Ländern der EWU durch länderspezifische Charakteristika der Kreditmärkte erklärt werden können. Die Analyse vollzieht sich im Rahmen eines neukeynesianischen Zwei-Länder-DSGE- Modells, in dem die Existenz kreditbeschränkter Haushalte zur Verstärkung makroökonomischer Schocks beiträgt. Die Stärke dieses sogenannten Finanzakzelerators ergibt sich zum einen aus dem Anteil der kreditrestringierten Haushalte, der mit dem durchschnittlichen länderspezifischen Anteil verschuldeter Haushalte approximiert wird, und zum anderen aus dem Ausmaß der Kreditbeschränkung eines verschuldeten Haushalts, der empirisch durch die durchschnittlichen nationalen Beleihungsgrenzen gemessen wird. Die Ergebnisse der Studie deuten darauf hin, dass Unterschiede in der Intensität dieser Kreditrestriktionen zu signifikanten und lang andauernden Unterschieden in den länderspezifischen Inflationsdynamiken führen. Somit ist diese theoretische Analyse komplementär zu anderen Studien, welche die in der EWU beobachtbaren Inflationsdifferentiale auf Unterschiede in der Intensität der Preisstarrheit, dem Offenheitsgrad und der Wettbewerbsstruktur in den einzelnen Mitgliedsländern zurückführen.


IV. Ausblick
Zukünftige Forschungsarbeiten zielen darauf ab, die Wirkung von Eigenkapitalvorschriften auf das Bankensystem näher zu beleuchten. Im Rahmen von DSGE Modellen mit einem Bankensektor wird dabei u.a. untersucht, wie Banken auf verschärfte Regulierungsvorschriften reagieren. Zudem wird die Frage analysiert, ob einzelne Länder, die im „Alleingang“ schärfere Regulierungsvorschriften einführen, einen Wettbewerbsnachteil im internationalen Vergleich erleiden. Zusätzlich wird die Frage untersucht, ob die Deregulierung des Finanzsektors eine maßgebliche Ursache für die globale Finanzmarktkrise war.


Projektpartner:
ifo Institut für Wirtschaftsforschung, München
LMU, Ludwig-Maximilians-Universität München


Prof. Dr. Oliver Hülsewig
Raum: LO 318

Tel.: 089 1265-2724
Fax: 089 1265-2714