«Frl. Röck, Sie machen heute die Schaltung!»

Justine Bauer (Oskar-von-Miller-Polytechnikum)

Justine Bauer und Präsident Prof. Dr. Kortstock
Justine Bauer und Präsident Prof. Dr. Kortstock

Ehrenalumna Justine Bauer (geb. Röck) erzählt von ihrem Ingenieurstudium in den 1950ern


Der Weg zu Justine Bauer führt geradewegs in den Münchner Fußballhimmel hinein; so könnte man meinen, denn ziemlich genau in der Mitte zwischen den Trainingsarealen von FC Bayern und TSV 1860 wohnt die Münchnerin zusammen mit ihrer Tochter. Für die Anwohner ist der Fantrubel aber nicht immer die reine Freude, lässt Justine Bauer durchblicken.



Der Besuch bei ihr ist in zweierlei Hinsicht besonders spannend: Sie ist nicht nur eine Alumna der ersten Stunde, sondern auch eine von ganz wenigen Frauen, die bereits in den 1950er Jahren ein Studium der Elektrotechnik aufgenommen haben.



Am Oskar-von-Miller-Polytechnikum (einer Vorgängerinstitution der heutigen Hochschule München) konnte damals im Bereich Nachrichten- und Hochfrequenztechnik neben dem klassischen Ingenieurstudium auch eine dreisemestrige Ausbildung zur Elektroassistentin belegt werden. «Gar keine so dumme Idee», dachte sich Justine Bauer, als ihr in der Berufsberatung dieser Vorschlag unterbreitet wurde. Schon am ersten Tag des Studiums in der Lothstraße wurde ihr und ihren wenigen Kommilitoninnen der Exotenstatus deutlich gemacht – durch Papierflieger und andere Wurfgeschosse aus den hinteren Reihen des Hörsaals, wohin sich der (männliche) Rest der Gruppe verzogen hatte. In den folgenden Wochen wurden die Studentinnen jedoch «relativ schnell akzeptiert» – vor allem dank glänzender Leistungen in Mathe, Physik und Chemie. In diesen Fächern waren die jungen Frauen, die alle vom Gymnasium kamen, ihren männlichen Mitstudierenden nämlich weit voraus. Diese hatten jedoch in den praktischen Fächern die Nase vorn, da sie meist schon auf eine Lehre oder andere Berufserfahrung zurückgreifen konnten. Daher kam es auch bald zu einem regen und für beide Seiten nützlichen Austausch zwischen den Gruppen. Die Ausbildung absolvierte Justine Bauer mit Bravour und entschloss sich, ein Ingenieurstudium dranzuhängen. Die Leitung des Polytechnikums hielt das zunächst für schlicht «unmöglich», da ihr ein Praktikum fehlte. Nach hartnäckigem Drängen wurden sie und einige weitere Kommilitoninnen schließlich doch zugelassen. Abgeschlossen hat Justine Bauer dann als einzige Frau ihrer Studiengruppe. In ihrem Abschlusszeugnis ist zu lesen «Er (sic!) hat somit den Titel eines Ingenieurs erworben». Das Polytechnikum hatte sich also immer noch nicht so richtig auf weibliche Studenten eingestellt.



Nach dem Studium arbeitete die Ingenieurin einige Jahre bei Siemens im Bereich technische Dokumentation. 1959 heiratete sie Alfred Bauer, mit dem sie drei Kinder großgezogen hat.



Auch wenn sich der Frauenanteil in Ingenieur- und Technikstudiengängen in den vergangenen 50 Jahren erhöht hat, stellt Justine Bauer fest: «Mädchen bekommen leider immer noch eingetrichtert: Mathematik ist nichts für euch.» Für die Ehrenalumna der Hochschule München «ein Alptraum». Heutigen Studierenden rät sie, sich engagiert den Anforderungen an der Hochschule zu stellen und immer am Ball zu bleiben, dabei aber gesellschaftliches Engagement, z.B. in Jugendgruppen oder bei der Feuerwehr, neben dem Studium nicht zu vernachlässigen, «denn damit kann man in Führungsaufgaben hineinwachsen» .



Weitere Informationen

Alfred und Justine Bauer Stiftung >